Feb
Die Panne
Marianne war bester Laune. Sie war mit ihrem Wagen auf der Autobahn auf dem Wege nach Hause, alles hatte geklappt soweit. Im Hotel - einem dieser grossen, anonymen - hatte sie noch als Herbert gefruehstueckt und ihre Rechnung bezahlt, war dann zurueck auf das Zimmer, hatte Herbert verpackt und sich in Marianne verwandelt. Man konnte von den Stockwerken direkt zum Parkdeck hinunter fahren. So war sie einfach als Marianne in den Wagen gestiegen, losgefahren und hatte dem Waechter an der Schranke ihren Zimmerschluessel gelassen.
Sie hatte im Radio einen Sender gefunden, der eine ganze Stunde lang Beatles Songs brachte und so schwelgte sie beim Fahren in “Penny Lane” und “Yesterday” und den anderen Beatles-Classics. Das Wetter war angenehm, die Sonne leuchtete auf die Waelder, die in wundervollen Herbstfarben erstrahlten. Staus waren keine gemeldet - die Welt war eigentlich perfekt und Marianne fuehlte sich wohl. Sie ueberlegte, ob sie unterwegs irgendwo anhalten und in einer Stadt am Wege einen Bummel durch die Fussgaengerzone machen sollte. Sie brauchte eigentlich noch ein Paar Struempfe fuer das Kostuem, das sie trug. Es war aus einem ganz lockeren, groben Tweed, mehr rot als braun eigentlich und sie ueberlegte, wie wohl rote Struempfe dazu aussehen wuerden. Am besten waeren auch noch rote, ein bisschen ins Braune gehende Schuhe. Der Rock war so kurz, dass man viel von ihren huebschen, schlanken Beinen sah, also musste man sich genau ueberlegen, wie man sie anzog.
An der naechsten Ausfahrt schaute sie, wie weit es noch bis zur naechsten geeigneten Stadt waere: 55 km. In einer halben Stunde etwa waere sie dann da. Dann konnte sie auch gleich eine Kleinigkeit essen. Es machte ihr Spass, als Marianne so in einer fremden Stadt herumzuwandern, einzukaufen und ins Restaurant zu gehen. Die Scheu, bei solchen Gelegenheiten an ihrer Stimme erkannt zu werden, hatte sie laengst abgelegt. Ihre schwache Stelle war tatsaechlich nur ihre Stimme. Sie hatte zwar in laengerem Training ein weibliches Timbre zu erreichen versucht, aber oftmals entging aufmerksamen Beobachtern die noch immer vorhandene Diskrepanz zwischen optischer und akustischer Erscheinung eben doch nicht. Das war ihr indessen bei solchen Gelegenheiten einfach egal. “Die Leute sehe ich sowieso nicht wieder, sollen sie mir den Buckel runter rutschen, wenn ihnen etwas nicht gefaellt,” dachte sie und bisher hatte noch niemand Zeter und Mordio geschrien, allenfalls einen zweifelnden oder pruefenden Blick hatte sie manchmal eingefangen.
Sie hatte sich gerade entschlossen, ihre Fahrt so zu unterbrechen und war voller Vorfreude, als sie etwas Merkwuerdiges an der Lenkung spuerte. Das Auto fuhr nicht mehr richtig geradeaus. Innerhalb von Sekunden wurde es staerker. Sie ging sofort vom Gas. “Parkplatz 200 m” sagte das blaue Schild. Ein Glueck. Sie zog den Wagen in den Parkplatz und stieg aus. Das fehlte ihr gerade noch: Ein Platter vorne rechts. Fuer Herbert waere das kaum ein Problem gewesen, aber Marianne fuehlte sich ueberfordert. Mit den hohen Absaetzen, dem engen Rock und den roten Fingernaegeln einen Reifen wechseln - irgendetwas wuerde dabei draufgehen, die Schuhe, die Struempfe oder die Fingernaegel.
Es hilft nichts, es muss sein, werde ich mich in der Stadt eben wieder herrichten muessen, dachte sie und kramte den Wagenheber hervor und das Ersatzrad. Die Radkappe ging noch relativ leicht ab. Dann aber wollte und wollte es ihr nicht gelingen, die Radmuttern zu loesen. Die Kerle in der Werkstatt mit ihren Pressluftschraubern hatten sich wieder nicht bremsen koennen und das Spielzeug, das die Autohersteller so als Werkzeug mitliefern, war dem nicht gewachsen. Sie ueberlegte, wie sie den Hebel verlaengern konnte, schliesslich war Herbert Ingenieur und sein Wissen war eben auch ihres. Sie kramte im Kofferraum herum und fand nichts. Ihr fiel nur noch Shakespeare ein: “Unheil, du bist am Zuge! Nimm, welchen Lauf du willst.”
Hinter ihr hielt ein Wagen, ein Mann stieg aus, machte ein paar Dehn- und Streckbewegungen und schaute zu ihr herueber. Sie versuchte jeden Blickkontakt zu vermeiden. Maenner empfanden das immer gleich als Aufforderung. Na ja, sie war ja auch eine durchaus attraktive Erscheinung, das hatten ihr schon viele gesagt. Sie waere unter anderen Umstaenden, zum Beispiel bei einem Halt an der Ampel, wo sie vor Weiterungen sicher war, auch einem kleinen Flirt per Blick nicht abgeneigt gewesen, sie freute sich immer, wenn Maenner sie attraktiv fanden, aber jetzt waere ihr solches Interesse sehr unwillkommen gewesen, sie hatte andere Probleme zu loesen und es lag ihr gar nichts daran, hier auf dem einsamen Parkplatz vielleicht dumme Fragen beantworten zu muessen. Unter diesen Umstaenden durchschaut zu werden, waere etwas ganz Anderes, als etwa in der anonymen Atmosphaere eines Kaufhauses, wo man schliesslich Kundin ist.
